Was ist Radon — und warum ist es in Wohnungen ein Problem?

Radon ist ein unsichtbares, geruch- und geschmackloses Gas, das beim natürlichen Zerfall von Uran im Boden entsteht. Es kommt überall vor — in manchen Regionen mehr, in anderen weniger. Im Freien verdünnt es sich sofort und ist harmlos. Problematisch wird es erst, wenn es sich in Gebäuden sammelt. Und genau das tut es: Radon ist im Durchschnitt der grösste Einzelposten der Strahlendosis, die Menschen in der Schweiz und in Deutschland pro Jahr aufnehmen — grösser als alle medizinischen Untersuchungen zusammen.
Woher Radon kommt: die Zerfallskette im Boden
In praktisch jedem Boden und Gestein steckt eine kleine Menge Uran-238. Es zerfällt über mehrere Zwischenstufen — darunter Radium-226 — und an einer Stelle dieser Kette entsteht etwas Besonderes: Radon-222, ein Edelgas. Anders als seine festen Vorgänger bleibt es nicht im Gestein gebunden, sondern kann durch Poren und Risse entweichen und mit der Bodenluft aufsteigen. Seine Halbwertszeit von 3,8 Tagen reicht genau aus, um vom Untergrund in einen Keller zu wandern und sich dort anzureichern.
Wie viel Radon ein Boden freisetzt, hängt von zwei Dingen ab: dem Urangehalt des Gesteins (Granit, Gneis und bestimmte Schiefer liegen vorn) und seiner Durchlässigkeit (Kies und geklüfteter Fels lassen mehr Gas durch als dichter Lehm). Darum sind Alpen, Jura, Schwarzwald, Erzgebirge, Fichtelgebirge und Bayerischer Wald typische Radongebiete — während norddeutsche Tiefebene oder Schweizer Mittelland meist moderat belastet sind. Aber Achtung: Das sind Wahrscheinlichkeiten, keine Garantien. Erhöhte Werte kommen überall vor.
Wie Radon ins Haus kommt
Radon dringt dort ein, wo das Gebäude den Boden berührt und nicht dicht ist:
- Risse und Fugen in Bodenplatte und Kellerwänden
- Rohr- und Kabeldurchführungen
- Naturkeller mit Kies- oder Stampflehmboden
- Schächte, Sickergruben, Drainagen
Der Antrieb dahinter ist Physik: Warme Raumluft steigt auf und erzeugt im Gebäude einen leichten Unterdruck — der Kamineffekt. Das Haus saugt buchstäblich Bodenluft an, am stärksten im Winter, wenn geheizt wird und die Fenster geschlossen bleiben. Deshalb sind die Werte im Winter oft doppelt bis dreimal so hoch wie im Sommer, und deshalb sind Keller und Erdgeschoss am stärksten betroffen — mit jedem Stockwerk nach oben nimmt die Konzentration deutlich ab.
Zwei Häuser nebeneinander können sich dabei um ein Vielfaches unterscheiden: Baujahr, Zustand der Bodenplatte, Lüftungsverhalten und selbst die Geologie unter dem einzelnen Grundstück entscheiden mit. Der Wert des Nachbarn sagt über dein Haus fast nichts aus.
Warum Radon gefährlich ist — die Zahlen
Radon selbst wird grösstenteils wieder ausgeatmet. Seine kurzlebigen Zerfallsprodukte aber — Polonium-, Wismut- und Blei-Isotope — lagern sich an Staub- und Aerosolteilchen an, bleiben beim Einatmen in den Atemwegen hängen und bestrahlen dort als Alphastrahler das Gewebe. Über Jahre und Jahrzehnte erhöht das die Wahrscheinlichkeit von Lungenkrebs.
Die Grössenordnung ist gut belegt:
- Die WHO schätzt, dass je nach Land 3 bis 14 Prozent aller Lungenkrebsfälle auf Radon zurückgehen — nach dem Rauchen die zweithäufigste Ursache, und die häufigste bei Menschen, die nie geraucht haben.
- Die zusammengefassten europäischen Studien zeigen: Das Lungenkrebsrisiko steigt um etwa 16 Prozent pro 100 Bq/m³ langjähriger Radonkonzentration — ohne Schwelle, unter der nichts passiert.
- Für die Schweiz rechnet das BAG mit 200 bis 300 Lungenkrebs-Todesfällen pro Jahr durch Radon; für Deutschland geht das BfS von rund fünf Prozent der Lungenkrebs-Todesfälle aus — etwa 1900 pro Jahr.
Besonders ungünstig ist die Kombination mit Tabak: Radon und Rauchen verstärken sich gegenseitig, das Risiko für Raucher in radonbelasteten Häusern ist um ein Vielfaches höher als jedes Einzelrisiko. Wichtig zum Einordnen bleibt trotzdem: Es geht um ein Langzeitrisiko über Jahrzehnte. Ein Nachmittag im Keller, ein Winter in einer belasteten Ferienwohnung — das ist kein Grund zur Sorge. Entscheidend ist, wo du dauerhaft wohnst und schläfst.
Welche Werte gelten als zu hoch?
| Land / Institution | Wert (Jahresmittel) | Bedeutung |
|---|---|---|
| Schweiz (StSV) | 300 Bq/m³ | Referenzwert für Wohn- und Aufenthaltsräume; darüber empfiehlt das BAG Massnahmen |
| Deutschland (StrlSchG) | 300 Bq/m³ | Referenzwert für Aufenthaltsräume und Arbeitsplätze |
| WHO | 100 Bq/m³ | Empfohlener Zielwert zur Risikominimierung |
Der Referenzwert ist kein Grenzwert im Sinne von „darunter sicher, darüber verboten” — das Risiko wächst kontinuierlich mit der Konzentration. 300 Bq/m³ markiert die Schwelle, ab der Handeln dringend empfohlen ist; die WHO-Marke von 100 Bq/m³ ist das ambitioniertere Ziel.
Ob dein Wohnort in einem Risikogebiet liegt, zeigen die Radonkarte des BAG für die Schweiz und die Karten des BfS für Deutschland. In Deutschland gelten zudem in ausgewiesenen Radonvorsorgegebieten Pflichten für Arbeitgeber (Messung von Arbeitsplätzen in Keller- und Erdgeschossen) und verschärfte Anforderungen an Neubauten.
Was du konkret tun kannst
Die gute Nachricht zum Schluss: Radon ist unter den Krebsrisiken das vielleicht am einfachsten beherrschbare. Der Weg hat drei Stufen:
- Messen — die einzige Möglichkeit, Gewissheit zu bekommen, denn sehen und riechen kann man Radon nicht. Eine anerkannte Messung kostet 50–100 Franken/Euro. Alles Wichtige dazu: Radon selbst messen.
- Einordnen — Jahresmittel mit dem Referenzwert vergleichen, nicht einzelne Tagesspitzen.
- Senken, falls nötig — vom richtigen Lüften über das Abdichten bis zur Radon-Absaugung unter dem Haus; fast immer lässt sich die Konzentration deutlich reduzieren. Die Möglichkeiten im Detail: Radonwerte senken.
Häufige Fragen
Ist Radon auch im Neubau ein Thema?
Ja — moderne, dichte Bauweise schützt zwar den erdberührten Bereich besser, macht Gebäude aber auch luftdichter, sodass eingedrungenes Radon schlechter entweicht. In Risikogebieten gehört Radonschutz (dichte Bodenplatte, vorbereitete Absaugung) in jede Neubauplanung; in deutschen Radonvorsorgegebieten ist er vorgeschrieben.
Ich wohne im 3. Stock — betrifft mich Radon?
Kaum. Die Konzentration nimmt mit jedem Stockwerk deutlich ab; ab dem zweiten Obergeschoss sind erhöhte Werte selten. Ausnahme: Gebäude, in denen Radon über Schächte, Aufzüge oder Installationskanäle nach oben wandert — bei auffälligen Ergebnissen im Haus lohnt die Messung trotzdem.
Kann ich Radon aus dem Trinkwasser oder aus Baustoffen bekommen?
Beides ist möglich, aber fast immer zweitrangig. Brunnenwasser aus Granitgebieten kann Radon enthalten, das beim Duschen frei wird (mehr dazu); einzelne Baustoffe wie alte Schlackensteine können lokal beitragen. Der Hauptpfad ist und bleibt die Bodenluft.
Mein Nachbar hat gemessen und liegt unter 100 Bq/m³. Reicht mir das?
Nein. Radonwerte unterscheiden sich zwischen direkt benachbarten Häusern regelmässig um das Mehrfache — wegen Bauweise, Zustand der Bodenplatte und kleinräumiger Geologie. Nur die eigene Messung zählt.
Macht ein einzelner hoher Messwert krank?
Nein. Das Risiko entsteht durch die mittlere Belastung über Jahre. Kurzzeitige Spitzen — etwa nach einem ungelüfteten Wochenende — sind normal und kein Alarmsignal. Massgeblich ist das Jahresmittel.