Radon selbst messen: So findest du heraus, was in deiner Wohnung steckt

Radon kann man weder sehen noch riechen — aber sehr einfach und günstig messen. Und weil sich die Werte selbst zwischen direkt benachbarten Häusern um ein Vielfaches unterscheiden, hilft nur die eigene Messung weiter: Weder die Radonkarte noch der Wert des Nachbarn sagt verlässlich, was in deinem Schlafzimmer ankommt. Die gute Nachricht: Eine aussagekräftige Messung kostet weniger als eine Tankfüllung und verlangt von dir fast nichts — Döschen aufstellen, Monate warten, einschicken.
Die Messverfahren im Überblick
1. Passive Dosimeter — der offizielle Weg. Das Standardverfahren sind sogenannte Kernspurdosimeter: kleine Kunststoffdöschen ohne Strom, Elektronik und Wartung. Im Inneren sitzt eine Detektorfolie, in der die Alphateilchen des zerfallenden Radons mikroskopische Spuren hinterlassen. Nach Ende der Messdauer schickst du die Döschen ans Labor, das die Spuren auszählt und dir die mittlere Radonkonzentration als Bericht liefert.
- Kosten: typischerweise 50–100 Franken/Euro für ein Set aus zwei Dosimetern, Laborauswertung und Bericht inklusive.
- Wo bestellen: In der Schweiz bei einer vom BAG anerkannten Messstelle — nur deren Messungen sind behördlich anerkannt. In Deutschland listet das BfS qualifizierte Anbieter für Radonmessungen; in Radonvorsorgegebieten verlangen Behörden Messungen solcher anerkannter Stellen.
- Wofür: die eine Messung, die zählt — als Grundlage für Sanierungsentscheidungen, gegenüber Vermieter, Käufer oder Behörden.
2. Digitale Messgeräte — der laufende Überblick. Elektronische Geräte (ab etwa 150–250 Franken/Euro einmalig) zeigen die Radonkonzentration fortlaufend an, meist mit App-Anbindung und Verlaufskurven. Ihre Stärke ist nicht der amtliche Nachweis, sondern das Beobachten: Wie reagieren die Werte auf Stosslüften? Steigt die Konzentration nachts im Schlafzimmer? Hat die Abdichtung der Kellerfuge etwas gebracht? Wer saniert oder sein Lüftungsverhalten ändert, sieht den Effekt hier innerhalb von Tagen statt nach Monaten. Für die offizielle Bewertung ersetzen sie die anerkannte Langzeitmessung aber nicht — ihre Genauigkeit ist geringer und ihr Messwert nicht zertifiziert.
3. Kurzzeit- und Schnelltests. Aktivkohle-Tests über wenige Tage gibt es vor allem im US-Handel; für Kaufentscheidungen unter Zeitdruck können sie einen ersten Anhaltspunkt liefern. Wegen der starken Tag-zu-Tag-Schwankungen von Radon sind sie aber leicht um den Faktor zwei bis drei daneben — als alleinige Grundlage für Entwarnung taugen sie nicht.
Wann und wo messen?
Die Aussagekraft deiner Messung hängt fast vollständig davon ab, wann und wo die Dosimeter stehen:
- Im Winterhalbjahr messen: Von Oktober bis März sind Fenster meist geschlossen und die Heizung läuft — der Kamineffekt saugt dann am stärksten Bodenluft ins Haus, und genau dieses Worst-Case-Halbjahr willst du kennen. Eine reine Sommermessung unterschätzt die Belastung systematisch.
- Mindestens drei Monate, besser das ganze Winterhalbjahr: Radonwerte schwanken mit Wetter, Wind und Lüftung stark von Tag zu Tag; erst der Langzeit-Mittelwert ist belastbar. Labore rechnen das Ergebnis anschliessend auf ein Jahresmittel hoch.
- In bewohnten Räumen der untersten Etagen: je ein Dosimeter ins Schlafzimmer und ins Wohnzimmer in Erdgeschoss oder Untergeschoss — dort, wo du dich tatsächlich viele Stunden aufhältst. Der ungenutzte Keller ist nicht der Massstab: Dort ist es fast immer am höchsten, aber du schläfst nicht dort.
- Richtig platzieren: auf Regal- oder Tischhöhe, mit etwas Abstand zu Fenster, Tür, Heizung und Aussenwand; nicht in Bad oder Küche (Feuchtigkeit), nicht in der Zugluft.
- Normal weiterleben: Während der Messung ganz normal lüften und heizen. Wer für die Messung besonders brav lüftet, misst ein Szenario, das mit dem eigenen Alltag nichts zu tun hat — und wiegt sich danach zu Unrecht in Sicherheit.
Ergebnis einordnen
Massgeblich ist der Jahresmittelwert im Vergleich zum Referenzwert von 300 Bq/m³, der in der Schweiz (StSV) wie in Deutschland (StrlSchG) gilt:
| Messwert (Jahresmittel) | Einordnung |
|---|---|
| unter 100 Bq/m³ | Unauffällig — die WHO nennt 100 Bq/m³ als Zielwert |
| 100–300 Bq/m³ | Akzeptabel; einfache Massnahmen wie konsequenteres Lüften und Abdichten lohnen sich trotzdem, denn ein völlig risikofreies Niveau gibt es nicht |
| 300–1000 Bq/m³ | Referenzwert überschritten — Massnahmen empfohlen, von Lüftungsstrategie bis Abdichtung, siehe Radonwerte senken |
| über 1000 Bq/m³ | Deutlich zu hoch — fachliche Beratung holen (Radonfachperson) und zügig sanieren |
Zwei Lesehilfen dazu:
- Ein einzelner hoher Tageswert ist kein Alarm. Nach einem ungelüfteten Wochenende oder bei bestimmten Wetterlagen (Inversionslagen, Sturm auf den Boden drückender Luftdruck) schnellen die Werte auf digitalen Geräten kurzfristig hoch und sinken wieder. Das Gesundheitsrisiko entsteht durch das Mittel über Jahre, nicht durch Spitzen.
- Knapp unter 300 ist kein Freifahrtschein. Der Referenzwert ist eine Handlungsschwelle, keine Grenze zwischen „gefährlich” und „sicher” — das Risiko wächst kontinuierlich mit der Konzentration. Wer mit wenig Aufwand von 250 auf 80 Bq/m³ kommt, sollte es tun.
Und wenn der Wert zu hoch ist?
Kein Grund zur Panik — aber ein klarer Arbeitsauftrag. Die Reihenfolge:
- Messung absichern: Bei einem digitalen Gerät als Quelle zuerst eine anerkannte Dosimeter-Messung nachschieben; bei sehr hohen Werten parallel schon mit dem Lüften beginnen.
- Einfache Massnahmen zuerst: konsequentes Stosslüften der unteren Etagen, Kellertüre dicht halten und abdichten, offensichtliche Risse und Durchführungen verschliessen. Das allein senkt die Werte oft um einen relevanten Anteil.
- Bei Bedarf fachlich sanieren: Ab dauerhaft deutlich erhöhten Werten kommen Radonfachpersonen ins Spiel — von der Abdichtung erdberührter Bauteile bis zur Radonabsaugung unter der Bodenplatte. Details und Kosten: Radonwerte senken.
- Erfolg nachmessen: Nach jeder Massnahme mit einer erneuten Messung (fürs Beobachten reicht das digitale Gerät, für den Nachweis wieder ein Dosimeter) prüfen, ob das Ziel erreicht ist.
Häufige Fragen
Reicht ein einziges Dosimeter?
Besser sind zwei: eines im Schlafzimmer, eines im meistgenutzten Wohnraum. Radon verteilt sich im Haus ungleichmässig, und die meisten Messstellen verkaufen die Sets ohnehin paarweise. Bei Häusern mit bewohntem Untergeschoss lohnt ein drittes Dosimeter dort.
Ich wohne zur Miete — darf ich einfach messen?
Ja. Dosimeter aufstellen ist keine bauliche Massnahme und braucht keine Erlaubnis. Bei einem Ergebnis über dem Referenzwert ist in der Schweiz wie in Deutschland der Eigentümer der richtige Adressat für Sanierungsmassnahmen; das anerkannte Messprotokoll ist dann deine Verhandlungsgrundlage.
Kann ich im Sommer gar nicht messen?
Doch — etwa wenn gerade ein Hauskauf ansteht und du nicht bis zum Winter warten kannst. Nur musst du das Ergebnis als untere Abschätzung lesen: Der Winterwert liegt typischerweise deutlich darüber. Für die endgültige Bewertung die Messung im nächsten Winterhalbjahr wiederholen.
Sind günstige digitale Geräte aus dem Onlinehandel brauchbar?
Für Trends ja, für absolute Werte mit Vorsicht. Seriöse Consumer-Geräte etablierter Hersteller liegen im Rahmen ihrer Spezifikation meist ordentlich; Billiggeräte ohne nachvollziehbare Herstellerangaben können grob danebenliegen. Lass ein digitales Gerät im Zweifel einige Monate neben einem Dosimeter laufen — dann siehst du, wie gut es kalibriert ist.
Wie oft sollte man die Messung wiederholen?
Nach jeder relevanten Änderung am Haus: energetische Sanierung (dichtere Hülle!), neue Fenster, Umbau im Keller, neue Lüftungsanlage — und sonst etwa alle zehn Jahre. Gerade Abdichtungen der Gebäudehülle können die Radonkonzentration erhöhen, weil das Gas schlechter entweicht.